Keine Überlieferungssicherung ohne Originalerhalt

#nachgefragt  – bei Dr. h.c. (NUACA) Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Gründungsmitglied der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten

Archive und Bibliotheken überliefern als Gedächtnisinstitutionen gespeichertes Wissen in vielfältigsten Formen und Ordnungen. Die digitale Transformation eröffnet heute und zukünftig attraktive und noch nie dagewesene Möglichkeiten, wissenschaftsrelevante Informationen zugänglich zu machen. Die substanziellen Grundlagen dieser Services sind im Bereich der schriftlichen Überlieferung über alle Zeiträume hinweg bis nahezu vorgestern jedoch analoge Originale. Dem Substanzschutz der Originale kommt damit eine zentrale und kritische Funktion zu.

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Mitglied der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten, setzt sich nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang heraus seit inzwischen fast 20 Jahren intensiv und erfolgreich für die Stärkung des Originalerhalts in Archiven und Bibliotheken ein. Wir haben mit ihr gesprochen und uns insbesondere für die Herausforderungen und Entwicklungen interessiert.

Dr. h.c. (NUACA) Barbara Schneider-Kempf © Reto Klar


 

KEK: Seit 2004 sind Sie als Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Mitglied der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten, die 2001 von zwölf Archiven und Bibliotheken mit umfangreichen historischen Beständen gegründet wurde. Was waren damals die zentralen Beweggründe?

Die Allianz wurde 2001 als Interessengemeinschaft von Bibliotheken und Archiven gegründet, um gemeinsam auf die Gefährdung des schriftlichen Kulturguts zu reagieren. Sie hatte von Beginn an zwei zentrale Ziele. Erstens die akut in ihrer Existenz gefährdeten Originale in Bibliotheken und Archiven zu sichern – und damit die Grundlage der reichen kulturellen und wissenschaftlichen Überlieferung in Deutschland. Zweitens sollte die Wichtigkeit dieser Überlieferung als nationale Aufgabe fest im öffentlichen und politischen Bewusstsein verankert werden.

Denn schon damals war klar: Säurefraß gefährdet sämtliches Schriftgut, das zwischen 1850 und 1990 hergestellt wurde. Allein die Vorstellung, welche Masse an schriftlichen Erzeugnissen dieser fortschreitenden Gefahr ausgesetzt ist, macht die Ausmaße des Projekts Originalerhalt deutlich. Es lag also dringender Handlungsbedarf vor. Gleichzeitig blieben die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) aus den 1990er Jahren, jährlich 1 % des gefährdeten und geschädigten Bestands zu sichern, ohne Konsequenzen. Die föderale Struktur der Bundesrepublik erschwerte ein bundesweit koordiniertes Vorgehen. Insbesondere nach der deutschen Einheit galt es, die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts als bundesweite Aufgabe strukturell zu verankern.

 

KEK: Seit Gründung der Allianz hat sich einiges verändert, um nicht zu sagen, es konnten im Bereich des bundesweit koordinierten Originalerhalts beachtliche Erfolge erzielt werden. Was waren die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg?

Ein wichtiger Meilenstein war sicherlich die Übergabe der Denkschrift „Zukunft Bewahren“ an Bundespräsident Horst Köhler im April 2009. Diesem Ereignis gingen die Katastrophen des Brands in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar im Jahr 2004 und der damals erst wenige Wochen zurückliegende Einsturz des Kölner Stadtarchivs voraus. Beide haben das Thema Kulturerbe und die Gefahren für unser historisches Gedächtnis verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Vor diesem Hintergrund forderte die Allianz in ihrer Denkschrift konkrete Maßnahmen.

Die Überreichung der Schrift an den Bundespräsidenten war ein entscheidender Schritt, dem glücklicherweise auf der politischen Ebene positive Entwicklungen folgten. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, nahm sich des Themas an. Dies führte 2010 erstmalig zur länderübergreifenden Förderung von Modellprojekten.

Im Folgejahr wurde offiziell die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) gegründet, um Maßnahmen zum Originalerhalt bundesweit zu koordinieren, Strukturen zu stärken und eine nationale Strategie für die Zukunft zu erarbeiten. Dieses umfangreiche Konzept wurde 2015 in Form der Bundesweiten Handlungsempfehlungen“ veröffentlicht und liefert seitdem eine äußerst wichtige Grundlage für das Ziel, jedes Jahr 1 % des schriftlichen Kulturguts zu sichern. Ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung wurde 2017 mit dem Start des BKM-Sonderprogramms gemacht, das seitdem – sehr zur Freude der Allianz – stetig ausgeweitet wurde und dieses Jahr mit 4,5 Mio. Euro an Fördermitteln ausgestattet ist.

Übergabe der Denkschrift "Zukunft Bewahren" an Bundespräsident Horst Köhler. © Jörg F. Müller


KEK: Zum BKM-Sonderprogramm für Originalerhalt: Der Großteil der Archive und Bibliotheken in Deutschland befindet sich in Trägerschaft von Ländern und Kommunen, d. h. dort liegen auch die Verantwortlichkeiten im Bereich Bestandserhalt der jeweils aufbewahrten Schriftgutbestände. Mit dem BKM-Sonderprogramm widmet sich seit 2017 eine vom Bund finanzierte Initiative diesem Thema. Wie koordinieren sich Bund und Länder hierbei?

Das BKM-Sonderprogramm berücksichtigt die Verantwortlichkeit der Länder und Kommunen und ist auf Kooperation ausgelegt. Durch die Initiative des Bundes sollen Anreize geschaffen werden, auch auf Landesebene Mittel zum Originalerhalt bereitzustellen und kontinuierlich zu erhöhen. In den Fördergrundsätzen des Programms ist jene Annahme formuliert, die auch bei der Allianz Schriftliches Kulturgut Erhalten im Zentrum stand: „Die Rettung des schriftlichen Kulturerbes ist nur mit vereinten Kräften von Bund, Ländern, Kommunen und anderen Trägern zu bewältigen“.

Aus diesem Grund ist das BKM-Sonderprogramm an eine Kofinanzierung aus den Ländern gebunden. Sämtliche Anträge werden zunächst an die zuständigen Landesbehörden gerichtet, die wiederum Ersttestate vornehmen und sich so auf Länderebene bezüglich der Projekte und gegebenenfalls eigener Länderprogramme koordinieren können. Das BKM-Sonderprogramm zeigt also sehr eindrucksvoll, dass Kulturpolitik auch im Zusammenspiel von Bund und Ländern funktionieren kann.

 

KEK: Wenn Sie einmal über die konkreten Maßnahmen wie Entsäuerung, Reinigung oder Verpackung hinausblicken. Wo sehen Sie weitere Herausforderungen im Bereich des Originalerhalts in der kommenden Zeit?

Ich denke, das Verhältnis von Digitalisierung und Originalerhalt sollte stärker in den Blick genommen werden. Digitalisierung ist zweifellos wichtig, aber ein Digitalisat ersetzt nicht die Originale. Denn für eine umfassende wissenschaftliche Erforschung müssen auch die materiellen Eigenschaften der Originale berücksichtigt werden. Welche Tinte wurde benutzt? Auf welchem Papier wurde geschrieben? Wie wurde der Text bearbeitet? Gibt es Lagerungsspuren? Das heißt, wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Digitalisierung und Originalerhalt Hand in Hand gehen. Zum einen können nur Objekte digitalisiert werden, die in einem entsprechend guten Zustand sind. Vor und während des Prozesses des Digitalisierens müssen daher konservatorische Fragen beachtet werden. Zum anderen schont die digitale Nutzung selbstverständlich die Originale und trägt damit zu deren Erhaltung bei. Diese Verknüpfung muss in Zukunft stärker zusammen gedacht werden.

Eine weitere Herausforderung ist ganz praktischer Natur: Es fehlen Fachkräfte im Restaurierungswesen. Neben den zunehmenden Anstrengungen zum Originalerhalt muss also auch dafür gesorgt werden, dass diese Maßnahmen gerade im Zuge steigender Fördermittel zukünftig umgesetzt werden können. Hier bedarf es einer (aus-)bildungspolitischen Offensive. Ohne dieses hochspezialisierte Wissen der Restauratorinnen und Restauratoren werden wir beispielsweise eine beschädigte Handschrift aus dem 14. Jahrhundert nicht mehr zugänglich machen können.

Einen weiteren Handlungsbedarf sehe ich in der Überlieferungskoordinierung. In Zukunft wird der Fokus mehr in Richtung der Frage gehen, welche Bestände wo vorhanden sind und in welchem Zustand sie sich befinden. Um effektiv zu handeln, müssen sich die Einrichtungen untereinander koordinieren und Informationen zu Bestandserhaltungsmaßnahmen über Kataloge verbundübergreifend abrufbar sein. Das von der KEK zu diesem Zweck von 2016 bis 2018 finanzierte Modellprojekt zur Entwicklung eines Datenmodells durch den Speicherverbund Nord beispielsweise schafft die Voraussetzungen für einen bundesweiten Austausch dieser Informationen.

Restauratorinnen und Restauratoren benötigen hochspezialisiertes Fachwissen. © Katharina Mähler, HAB


KEK: Eine letzte Frage an Sie als diplomierte Architektin. Das Januarblatt unseres Kalenders zum Kulturerbejahr 2018 zeigt einen Architekturplan von Fritz Höger für das zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende Chilehaus in der Hamburger Speicherstadt. Die Pläne machen deutlich, dass der Schutz des Kulturerbes viele verschiedene Formen kulturellen Schaffens umfasst, von der mittelalterlichen Handschrift über audiovisuelle Medien bis hin zu Bauwerken. Durch Ihren Werdegang kennen Sie sich sowohl mit schriftlichem als auch mit architektonischen Objekten aus. Welchen Zusammenhang sehen bei der Sicherung dieser unterschiedlichen Formen des Kulturguterhalts?

Das Projekt zur Sicherung von Fritz Högers Nachlass, der seine Architekturpläne auf fragilem Transparentpapier enthält, ist ein gutes Beispiel für eine umfassende Betrachtungsweise des Kulturerbeerhalts. Das Chilehaus als Teil der Speicherstadt ist ein historisches Baudenkmal, das als solches das Gedächtnis Hamburgs prägt und für die Öffentlichkeit unmittelbar erfahrbar ist. Für den originalgetreuen Erhalt dieses Bauwerks und seine wissenschaftliche Einordnung ist es jedoch essentiell, die Pläne zu kennen, die diesem Gebäude zugrunde liegen. Erst so lassen sich Rückschlüsse über die Entstehungsgeschichte des Bauwerks und seine gesellschaftliche Bedeutung ableiten. Das heißt, für eine nachhaltige Erhaltung des Gebäudes müssen auch die Quellen erhalten werden, die dieses Objekt umgeben und seine Erforschung erlauben.

Dies gilt selbstverständlich für alle Bereich aus Kunst und Kultur, seien es Romanmanuskripte bzw. Autorennachlässe oder auch Original-Drehbücher zu Filmen. Für beides gibt es Beispiele aus der KEK-Förderung: zu ersterem beispielsweise die Restaurierung der Manuskripte von Theodor Fontane und zu letzterem die Sicherung der Drehpläne zu Rainer Werner Fassbinders Berlin Alexanderplatz. Ohne dieses Material wäre die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den eigentlichen Kunstwerken schwierig. Daher müssen die verschiedenen „Gattungen“ des Kulturerbes, die sich aufeinander beziehen, immer zusammen gedacht werden, auch wenn sie in verschiedenen Formen und an unterschiedlichen Orten aufbewahrt werden.

 

 

31. Januar 2019