Klosterbibliotheken – besondere Herausforderungen

 

Klosterbibliotheken und -skriptorien waren besonders im Mittelalter die wichtigsten Bildungszentren Europas. Hier wurden antike Texte überliefert und neue Werke verfasst. Besonders im Bereich religiöser Texte, aber auch im Bereich medizinischen, naturwissenschaftlichen und historischen Wissens waren und sind Klosterbibliotheken oft wahre Schatztruhen.

Doch ist die Geschichte dieser Bibliotheken von Kloster zu Kloster verschieden. Sie zeugen zum Beispiel von der Neugründung von Orden im Zuge der Klosterreformen, der Reformation, der Säkularisierung und diversen Gebiets- und Herrschaftsreformen. Auch die politischen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts hatten vielfältige Auswirkungen auf diese Sammlungen. So finden sich heute ursprünglich aus Klöstern stammende Bestände in Regional- Landes und Universitätsbibliotheken, wie etwa Bände aus dem ehemaligen Frauenstift Gernrode, die sich heute in der Anhaltischen Landesbücherei Dessau befinden. Im 17. Jahrhundert wurde das – zwischenzeitlich zu einem evangelischen Damenstift umgewandelte – Stift Gernrode aufgelöst und seine Besitzungen wurden dem Haus Anhalt zugesprochen. Darunter befand sich auch die Bibliothek, die zunächst in die Herzogliche Bibliothek Bernburg, dann in die die Herzoglich Anhaltische Behördenbibliothek und schließlich in die Anhaltische Landesbücherei Dessau gelangte. >Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung des Projekts

Ein Band aus dem Kanonissenstift Gernrode vor der Restaurierung © Anhaltische Landesbücherei Dessau

 

Auch Bestände, die sich noch in der Institution befinden, für die sie einst hergestellt wurden, legen Zeugnis der sich verändernden religiösen Landschaft Deutschlands ab. So befinden sich im Adligen Kloster Preetz – seit 1542 protestantisches Damenstift – zwei liturgische Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts, die darauf verweisen, dass diese Institution einst als Benediktinerinnenkloster gegründet wurde. Die wechselnde religiöse Grundlage der Einrichtung ist allerdings auch an den Handschriften nicht spurlos vorübergegangen. Zu einem unbekannten Zeitpunkt schnitten und rissen die ebenfalls unbekannten Täter sämtliche Miniaturen und viele der golden und farbig gefassten Initialen aus zwei liturgischen Handschriften des 14. bzw. 15. Jahrhunderts. Dabei gingen sie mit solcher Gewalt vor, dass die Schnitte zum Teil durch mehrere Pergamentblätter gehen. >Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung des Projekts

 

Handschrift mit herausgeschnittenen Miniaturen © Anne Kathrin Haase

 

Dass die Bestände in der jeweiligen Bibliothek verbleiben, kontextualisiert die Bücher und ermöglicht es, religiöses Leben und religiöse Texte als Einheit zu begreifen. Manchmal ist die Lagerungssituation in alten Bibliotheksräumen (oder in Räumen, die nicht ursprünglich für die Nutzung als Bibliothek vorgesehen waren) allerdings eine weitere Bedrohung historischer Klosterbestände. Oft sind hier erhebliche Anstrengungen nötig, um die Bücher optimal gesichert am originalen Standort verwahren zu können. Dies war der Fall in einem großangelegten Projekt des Fördervereins St. Marien in Barth, dem es – auch mit Hilfe der Förderung durch die KEK – gelang, die bedeutende Biblioteca Bardensis für die Zukunft zu sichern. Unterstützt vom fachlichen Beirat und mit großem Einsatz der Vereinsmitglieder und der Evangelischen Kirchengemeinde St. Marien, die fleißig um Spenden warben und Stiftungen gewinnen konnten, glückte die Rettung von insgesamt 4.000 Bänden vor der Zerstörung durch Schimmel und Feuchtigkeit. Zudem wurde der historische Bibliotheksraum gemäß neuesten Standards saniert. Für ihren großen Einsatz bekam der Förderverein der Kirchenbibliothek im August 2014 auch den EU-Preis für kulturelles Erbe, den Europa Nostra Award, von Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht. >Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung des Projekts

Sicherung der mechanischen Beschädigungen an den Ledereinbänden der Inkunabeln der Biblioteca Bardensis; Foto © Cornelia Hanke

 

Besonders schnelle Hilfe ist gefragt, wenn Katastrophen schriftliches Kulturgut bedrohen. Umso mehr wenn diese Klosterbibliotheken betreffen, die oft abgeschieden angelegt wurden und nur selten Mitglieder in einem Notfallverbund sind. Bereits im Jahr 2010, den ersten Jahr der Förderung von Modellprojekten, wurde daher durch die KEK die Behandlung von Schimmelschäden gefördert, die durch das Neiße-Hochwasser im Klosterstift St. Marienthal entstanden sind. Zusammen mit der Augusthitze entwickelte sich damals im wertvollen Altbestand Schimmel. Schimmelpilzbefall erfordert – zumal unter diesen Gegebenheiten – schnelles Handeln. Und so konnten die Nonnen mit Hilfe der Förderung durch ein KEK-Modellprojekt noch im selben Jahr die Bände auf Schimmelbefall kontrollieren. Im Bedarfsfall wurden diese daraufhin durch einen Dienstleister gefriergetrocknet, trockengereinigt und damit dekontaminiert. Die sächsische Landesstelle für Bestandserhaltung stand dem Kloster überdies mit fachlicher Unterstützung zur Seite, damit die Bibliotheksräume wieder nutzbar gemacht werden konnten und die Gefahr eines weiteren Befalls mit Schimmel gebannt wurde. >Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung des Projekts 

Die Abgeschiedenheit und die oft schlechte Erschließung bedrohen die Bestände stetig. Besonders bereits geschädigte Bücher und Fragmente sind gefährdet beispielsweise im Zuge unsachgemäßer Reparaturen und buchbinderischer Arbeiten. Um dieses Informationsdefizit zu mindern, konnte durch die KEK-Modellprojektförderung im Jahr 2015 eine Erhebung durchgeführt werden, die den Umfang von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fragmenten in kirchlichen Einrichtungen ermitteln sollte. Ein besonderer Fokus lag auf Maßnahmen zum Originalerhalt von Fragmenten und Einbandmakulaturen – sofern möglich im Zusammenhang mit dem entsprechenden Buchblock. In der Vergangenheit wurden Einband und Buchblock oft ohne ausreichende Dokumentation voneinander getrennt. So gingen wichtige Informationen zur Provenienz der Fragmente verloren. Die Publikation eines Tagungsberichts und eine Wanderausstellung bezog die Öffentlichkeit in die Auseinandersetzung mit diesen spannenden historischen Artefakten ein und stärkte das öffentliche Bewusstsein dafür, was für vergessene Kostbarkeiten sich in alten Buchdeckeln verbergen können. >Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung des Projekts 

Durch die KEK-Modellprojektförderung und das BKM-Sonderprogramm konnte die KEK in den Jahren von 2010 bis 2019 insgesamt 52 Projekte im Kontext geistlicher Bestände und Einrichtungen unterstützen. Dabei wurden über 1 Mio. Euro Fördermittel bereitgestellt.

Fragment im vorderen und hinteren Spiegel © Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars Fulda