Netzwerker und Friedensstifter auf See

#nachgefragt – bei Dr. Felicia Sternfeld, Direktorin des Europäischen Hansemuseums 

 

Hansebündnisse haben nicht nur Handelswege geöffnet, sondern auch Frieden gestiftet. Dies dokumentiert zum Beispiel die Rostocker Urkunde, die im Mai den Kalender zum Europäischen Kulturerbejahr schmückte. Das am 20. April 1410 geschlossene Bündnis der Stadt Rostock mit Lübeck und Wismar öffnete Handelstore in den Norden und verpflichtete die Unterzeichner gleichzeitig, innere Konflikte beizulegen. Wir fragen Dr. Felicia Sternfeld, Direktorin des Europäischen Hansemuseums, anlässlich der jüngst eröffneten Ausstellung „Der Konsens“ in Lübeck, was wir aus diesen frühen europäischen Handels- und Friedensbestrebungen lernen können – und welche Schriftdokumente davon besonders eindrücklich Zeugnis ablegen.

Dr. Felicia Sternfeld, Direktorin des Europäischen Hansemuseums Lübeck, auf dem Gelände des Museums. © Olaf Malzahn


KEK: Die Sonderausstellung lautet mit vollem Titel „Der Konsens. Europas Kultur der politischen Entscheidung“. Eine Urkunde wie die Hanseurkunde vom 20. April 1410 dokumentiert nun das Ergebnis einer Konsensfindung. Gibt es auch Schriftdokumente in der Ausstellung, die den Prozess einer Entscheidungsfindung sichtbar machen?

Einblick in die Sonderausstellung „Der Konsens. Europas Kultur der politischen Entscheidung“ © Olaf Malzahn

In der Sonderausstellung wird ein Hansetag des Jahres 1518 einer heutigen Sitzung des Europäischen Rates gegenübergestellt. Beide Gremien treffen die meisten Entscheidungen im Konsens. Für den Prozess einer konsensualen Entscheidungsfindung ist es hilfreich, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu tagen und den Verlauf der Gespräche auch nicht zu dokumentieren. Dieses Vorgehen macht es möglich, offener zu sprechen. Dadurch wird es aber für Außenstehende schwieriger, den Prozess nachzuvollziehen.

Das wichtigste Dokument der Sonderausstellung ist ein Rezess aus dem Jahre 1518. Ein Rezess ist ein Abschlussdokument, das die Beschlüsse der Delegierten festhält. Er gibt aber teilweise auch Aufschluss über den Verlauf der Tagung und zwischen den Zeilen kann hier der Prozess der Entscheidungsfindung erahnt werden.

 

KEK: Welche Medienformen wurden außerdem bedient in der politischen Kultur der Konsensfindung zur Hansezeit?

Ein wichtiges Medium sind sicherlich Briefe gewesen, da Kommunikation zur Konsensfindung natürlich damals wie heute unerlässlich ist. Ein gutes Beispiel sind Einladungsschreiben zu den Hansetagen, die als hochwertige Faksimiles in der Dauerausstellung des Europäischen Hansemuseums Lübeck zu sehen sind. In den Einladungen sind immer auch schon die Themen, die besprochen werden sollen aufgeführt, sodass die Räte der einzelnen Hansestädte eine Position abstimmen konnten, die ihr Ratssendebote dann während des Hansetages vertreten musste. Die Stadträte erstellen also Weisungen für ihre Delegierten. Überliefert sind zum Beispiel die Instruktionen des Danziger Rates aus dem Jahr 1518. Sie stellten entlang der im Rahmen der Lübecker Einladung genannten Tagesordnungspunkte oder Beratungsartikel die Positionen Danzigs zusammen und verbanden dies mit der einen oder anderen Handlungsanweisung für die Vertreter der Stadt.

Außerdem haben einzelne Gesandte Berichte über die Treffen für den Rat ihrer Heimatstadt geschrieben. In diesen Dokumenten sind die Interessen der beteiligten Akteure teilweise deutlicher festgehalten als in den Rezessen. Sie sind also ebenfalls sehr wertvolle Quellen für die Kultur der Konsensfindung.

 

KEK: Gibt es Schriftdokumente in der Sonderausstellung, die für Sie in besonderer Weise das Konsensprinzip verdeutlichen?

Das wichtigste Dokument in der Sonderausstellung ist sicherlich der schon erwähnte Rezess. Wir zeigen das Exemplar aus Hildesheim, welches uns freundlicherweise vom dortigen Archiv als Leihgabe zur Verfügung gestellt worden ist. Dieser Rezess stammt aus dem Jahr 1518 und ist von Lübecker Schreibern erarbeitet worden. Jede am Hansetag teilnehmende Stadt bekam dieses Abschlussdokument, in dem die gemeinsamen Beschlüsse und teilweise auch der Verlauf der Diskussion festgehalten wurden. Während der Recherchen für die Ausstellung stellte sich heraus, dass sich die Rezesse, welche die Lübecker Schreiber für die verschiedenen Städte erstellt haben, durchaus bei einzelnen Themen im Umfang unterscheiden konnten. Trotzdem sind die Rezesse geradezu beispielhaft für das Konsensprinzip.

Ein weiteres Schriftdokument in der Sonderausstellung sind die aktuellen Schlussfolgerungen des Europäischen Rates. Sie haben eine ähnliche Funktion wie der 500 Jahre alte Rezess, denn sie dokumentieren die Beschlüsse der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Sie enthalten meist Ziele, Fristen oder Vorschläge. Über den Verlauf der Verhandlungen geben sie jedoch keinen Aufschluss.

Obwohl 500 Jahre zwischen ihnen liegen, zeigen beide Dokumente eindrücklich die Fähigkeit des Menschen, trotz unterschiedlichster Interessen einen Konsens finden zu können. In der Gegenüberstellung machen sie deutlich, dass wir es hier mit einem sehr wertvollen kulturellen Erbe zu tun haben, welches gerade in der heutigen politischen Debatte nicht vergessen werden sollte.

Detail der Sonderausstellung: Die Schlussfolgerungen des Europäischen Rates werden in alle 24 Sprachen der Europäischen Union übersetzt. © Olaf Malzahn

 

KEK: Inwiefern ist aus Ihrer Sicht der Originalerhalt von Kulturgütern wichtig für die Zukunft in Europa?

Eine zentrale Aufgabe der historischen Wissenschaften und damit auch der historischen Museen ist es, die Vergangenheit zu erforschen, um Wege für die Zukunft aufzuzeigen. Die originalen Kulturgüter sind die Basis, ja das Fundament, auf dem diese Forschung steht. Keine Kopie, kein Scan, keine Fotografie hat für die Expertin dieselbe Aussagekraft wie das Original. Auch entwickeln sich die Untersuchungsmethoden stetig weiter, d.h. wir können heute gar nicht wissen, welche Informationen wir in fünf, zehn oder fünfzig Jahren den historischen Objekten noch ablesen können.

In der Dauerausstellung des Europäischen Hansemuseums arbeiten wir neben den Originalobjekten bei Dokumenten mit Faksimiles und bei Alltagsgegenständen mit Rekonstruktionen, weil die Originaldokumente nicht dauerhaft ausgestellt werden können, ohne Schaden zu nehmen. Und weil rekonstruierte Gegenstände oft mehr Aussagekraft für Besucherinnen und Besucher haben – gerade in unseren großen Inszenierungen, in denen mehrere Objekte in Bezug miteinander stehen. Als Beispiel seien hier Textilien genannt: Die erhaltenen Originale sind oft nur fragmentarisch erhalten und weisen nicht mehr ihre ursprüngliche Farbigkeit auf. In der Rekonstruktion ist es uns aber möglich, die ganze Farbenpracht des Mittelalters zu zeigen.

Im Europäischen Hansemuseum Lübeck erfahren die Besucherinnen und Besucher viel über die gemeinsame Geschichte Europas. Trotz aller Schwierigkeiten und Konflikte können wir zeigen, dass Zusammenarbeit möglich und immer hilfreich und gewinnbringend war und ist. Vergangenheit schafft Identität und gemeinsame Vergangenheit schafft gemeinsame Identität. Deshalb ist es so wichtig, Kulturgüter zu erhalten, sie geben uns Orientierung.

Faksimile des Lübecker Reichsfreiheitsprivilegs von 1226 in der Dauerausstellung des Europäischen Hansemuseums Lübeck. © Olaf Malzahn


 

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Juni 2018