Manche zurückliegende Restaurierung schädigt das Kulturgut aller Materialarten mehr als der Zahn der Zeit. Damit die Bestandsschützer der Zukunft nicht orientierungslos über heutigen Eingriffen rätseln, braucht es eine starke Grundlagenforschung im Verbund. Am Beispiel Papyrus lässt sich dies gut verdeutlichen: Erfahrungsgemäß werden Papyri zur sicheren Aufbewahrung zwischen zwei Glasplatten fixiert. Neuerdings zeichnet sich allerdings ab, dass das verwendete „Fensterglas“ als Ursache für den weißgrauen Niederschlag in den Verglasungen in Betracht gezogen werden muss. Um diese Problematik zu klären, macht sich nun mit Förderung der KEK eine Gruppe von Forschern auf den Weg.

In seiner grundlegenden Publikation zu den Bremer Papyri lobte der Papyrologe Ulrich Wilcken „die bewährte Kunst von Hugo Ibscher“, der als ausgewiesener Papyrusrestaurator die fragilen Stücke 1902 „präpariert und zwischen Glasplatten gelegt“ hatte. Die Verglasung bildet seit über hundert Jahren die gängige Praxis zur Konservierung schriftlicher Preziosen auf Papyrus, die häufig von grauweißen Salzablagerungen betroffen sind. Auch die 84 in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen gehüteten Schriftstücke aus dem 2. Jahrhundert n.  Chr. wurden wie üblich unmittelbar nach ihrer Erwerbung 1902 verglast. Bisher war man der Ansicht, das für die Ablagerungen verantwortliche Natriumchlorid löse sich aus dem gräsernen Beschreibstoff selbst heraus. Doch nun nährt sich bei Leipziger Forschern ein neuer Verdacht. Das Natriumchlorid löst sich aus dem verwendeten Glas heraus. Was Papyri schützen soll, schädigt sie. Ihre These lautet: Die Ablagerungen werden durch einen Ionenaustausch zwischen den Schriftstücken und dem Gehäuse aus handelsüblichem Fensterglas ausgelöst.

Bei der Sicherung der Bremer Papyri arbeitet die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen mit Experten der Universitätsbibliothek Leipzig und Wissenschaftlern der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig zusammen. Leipzig ist, wie auch Berlin, ein deutsches Kompetenzzentrum für Papyrus. Seit 1997 beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe aus Papyrologen, einem Restaurator und Mitarbeitern der Digitalisierung an der Universitätsbibliothek Leipzig mit Fragen zur Restaurierung und Konservierung des Materials. Davon profitieren nicht nur die 4.000 Objekte der hauseigenen Sammlung, sondern nun auch die Bremer Fragmente. Sie überliefern Privates und Politisches aus der Feder von Apollonios, Leiter des Gaus Heptakomina, und gehören zu den überaus raren Dokumenten, die uns vom oberägyptischen Alltag des 2. nachchristlichen Jahrhunderts erzählen. Zweitausend Jahre wurden die Papyri vom trockenen Wüstensand konserviert, bis sie ausgegraben und zwischen Glasplatten fixiert erstmals zugänglich gemacht wurden. Doch könnte, so die These der Leipziger Forscher, gerade das Glas die Papyri schädigen. Zunächst gilt es daher, die Kostbarkeiten aus Zypergras vom Glas zu befreien und vom säurehaltigen Trägerkarton zu lösen. Bei der Entnahme der Papyri aus den Rahmen ergibt sich dann für die Forscher der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig die einmalige Chance, die Glasthese anhand der umfangreichen Bremer Materialbasis zu überprüfen. Die Bestätigung ihrer Annahme hätte weitreichende Folgen für deutsche Archive und Bibliotheken mit  Papyrussammlungen, die nahezu flächendeckend zwischen „Fensterglas“ lagern. Im Anschluss sollen die Bremer Papyri zwischen Scheiben aus Borosilikatglas dauerhaft geschützt werden, das üblicherweise zur Herstellung gläserner Laborgerätschaften verwendet wird und chemische Reaktionen ausschließt. Das Beispiel lehrt: Aus Schäden wird man klug – am  besten im Verbund. Nur im Netzwerk und in enger Zusammenarbeit zwischen schriftbewahrenden Institutionen und Forschungseinrichtungen können, mit beiderseitigem Gewinn, die wissenschaftlichen und technologischen Grundlagen für die Bestandserhaltung entwickelt und Gefährdungen verhindert werden.

Foto © Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

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