Zu Zeiten der Grundherrschaft wurden sämtliche Angaben über Besitztümer von elternlosen Kindern in sogenannte Waisenbücher eingetragen. Im ehemaligen Ratsdorf Neuhörnitz bei Zittau entstand im ausgehenden 18. Jahrhundert ein besonders schön gestaltetes Exemplar: In kunstvoller Schrift verzeichneten Amtschreiber über fast fünfzig Jahre hinweg Erbstreitigkeiten und Besitzstandsvermerke von ortsansässigen Häuslern, Gärtnern und Gewerbetreibenden. Das Buch verweist auf die Anfänge von archivalischer Tätigkeit der kommunalen Verwaltung, die in der frühen Neuzeit bei der Grundherrschaft angesiedelt war. Es ist ein Zeugnis für die Entwicklung von bürokratischen – und damit rechtsverbindlichen – Elementen der Herrschaft, die dem Einzelnen die Möglichkeit zur Beschwerde oder zum Rechtsweg erleichterte und die als ein Entwicklungsschritt hin zur Moderne interpretiert werden kann. Das Aufzählungswerk ist nicht nur eine unersetzliche Quelle für Ahnenforscher und Ortschronisten in der südlichen Oberlausitz und ein wertvolles Zeugnis aus der Zeit der frühen Bürokratisierung der Verwaltung. Es ist zugleich ein gelungenes Beispiel frühmoderner Buchkunst. Im Lauf der Jahrhunderte jedoch hat das Neuhörnitzer Waisenbuch erheblichen Schaden genommen: Wasser deformierte den Kalbsledereinband und es bildeten sich Risse im Buchblock. Hinzu kamen Löcher am Buchrücken und die Heftung drohte auseinanderzufallen. Diese und andere Schäden konnten 2011 mit Zuwendungen der KEK behoben werden. Ausgestellt in einer speziellen Schutzvitrine ist das Neuhörnitzer Waisenbuch seither eine der Hauptattraktionen des Kreisarchivs Zwickau.

Foto © Kreisarchiv Görlitz/Historisches Archiv (Zittau)

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