Glücklicherweise sind Katastrophen wie Großbrände in Archiven und Bibliotheken sehr selten. Wenn sie allerdings doch eintreten, wie 2004 beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) in Weimar, gilt es nicht nur schnell zu handeln, sondern auch fachlich richtig, sodass weitere Schädigungen von schriftlichem Kulturgut ausgeschlossen werden können. Die Weimarer Bibliothek kooperierte im Rahmen eines KEK-Modellprojekts intensiv mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim (HAWK), um die optimale Behandlung der brandgeschädigten Bände sicherzustellen.

Insgesamt mussten etwa 2.200 Bücher mit Gewebeeinbänden der HAAB behandelt werden. Sie waren durch Hitze, Löschwasser und den Bergungsprozess beschädigt worden. Asche, Chemikalien im Löschwasser und chemische Reaktionen der geborgenen Bände mit Bergungsmaterialien verursachten weitere Probleme. Vor Herausforderungen stellte die Restauratoren auch die Vielfalt der verwendeten Einbandmaterialen: Darunter befanden sich Einbände aus Kaliko, Leinen, Moleskin und weiteren Geweben. Mit Entstehungsdaten zwischen 1586 und ca. 1990 umfassten nicht nur die Einbandmaterialien, sondern auch die Bücher ingesamt ein großes Materialspektrum.

Zusammen mit der Fakultät Erhaltung von Kulturgut der HAWK untersuchte die Bibliothek im Rahmen des Projekts nachhaltige Methoden zur Restaurierung der unterschiedlichen Gewebeeinbände. Auch eine Masterarbeit entstand durch diese Kooperation. Sie erläutert, welche Methode sich als besonders geeignet erwiesen hat, um durch die Brandfolgen deformierte Bücher mit Gewebeeinbänden schonend und ohne eine Entfernung der kunst- und kulturhistorisch wichtigen Einbände zu restaurieren. Durch die wissenschaftliche Dokumentation der Ergebnisse bleibt diese Kooperation für weitere Einrichtungen nachnutzbar, während durch die Beteiligung der Studierenden zukünftige restauratorische Fachkräfte Erfahrungen sammeln konnten.

So konnten die Bände der Herzogin Anna Amalia Bibliothek minimalinvasiv behandelt werden, während gleichzeitig die wissenschaftliche Erforschung der verwendeten Materialien und Techniken die langfristige Unbedenklichkeit der Maßnahmen belegte. Die Ergebnisse der Restaurierung wurden in der 2014 – zehn Jahre nach der Katastrophe – eröffneten Ausstellung „Restaurieren nach dem Brand“ der Öffentlichkeit präsentiert und in einem Begleitband dokumentiert. Die Ausstellung war so erfolgreich, dass sie 2016 wiedereröffnet wurde und seitdem in der Bibliothek besucht werden kann.

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