Es ist geradezu kurios, dass die erste in Deutschland empfangene E-Mail nicht digital, sondern nur noch auf Papier erhalten ist. Was könnte besser die Flüchtigkeit digitaler Dokumente symbolisieren als dieses papierne Zeugnis? Als ein Plädoyer für den Originalerhalt unseres schriftlichen Kulturerbes kann dieses Dokument gesehen werden – in einer Welt rasant fortschreitender Virtualisierung, in der angesichts kostengünstiger Digitalisierung vereinzelt auch Fragen nach dem Nutzen der kostenintensiven Archivierung analoger Originale zu hören sind. Tatsächlich teilen Dateien dasselbe Schicksal wie ihre Schicksalsschwestern auf Papier, Pappe und Pergament: Alle sind vergänglich, können gelöscht und unlesbar werden oder eben zerfallen und verblassen. Die sichere Langzeitarchivierung der digitalen Klone, aber auch der zunehmend anfallenden »born digital«-Dokumente, ist eine komplexe Herausforderung für die Bewahrung der Informationen von heute für morgen.

Die Notwendigkeit, flächendeckende Lösungen gegen den durch Säurefraß verursachten, schleichenden Papierzerfall zu entwickeln, verdeutlicht der Ausdruck der im Stadtarchiv Karlsruhe verwahrten ersten E-Mail Deutschlands ebenfalls. Das einzig erhaltene Zeugnis für den kommunikationshistorischen Meilenstein, als Professor Michael Rotert am 3. August 1984 um 10.14 Uhr die Nachricht mit Betreff »Willkommen im CSNET« erhielt, war aufgrund seines säurehaltigen Druckerpapiers und schädlicher Selbstklebefolien stark gefährdet. In einem von der KEK geförderten Modellprojekt wurden die Folien entfernt, kleine Risse beseitigt und die E-Mail mit dem wässrigen »Bückeburger Verfahren« entsäuert. Nach der restauratorischen Kur wurde das 90 × 38 cm große Sonderformat in einem maßangefertigten Schutzbehältnis verpackt und für Forschung und Öffentlichkeit digitalisiert. Denn Digitalisierung ist auch ein Baustein für Bestandserhalt. Sie schützt das kostbare Dokument vor der Abnutzung durch Gebrauch und macht es weltweit per Mausklick verfügbar. Den Originalerhalt kann sie jedoch nicht ersetzen. Für alle Fälle wurden zudem drei Faksimiles der E-Mail gefertigt, damit sie den kommenden Generationen aus der Steinzeit elektronischer Informationsübermittlung berichten kann. Archivarinnen und Archivare denken in langen Zeiträumen. Und wer mag garantieren, dass in 50 Jahren noch Daten aus unendlich gereihten Einsen und Nullen lesbar sind?

Foto © Stadtarchiv Karlsruhe

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