Die Schwarze Kunst erfreute sich im 16. Jahrhundert gleich doppelter Beliebtheit. Zum einen in den Werkstätten der Jünger der Schwarzkunst, wie sich die Buchdrucker noch heute wegen der Schwärze der Druckfarbe nennen, und zum anderen in den Hexenküchen der Alchemisten und auf den Markplätzen, wo sogenannte Schwarzkünstler ihre wahrsagerischen Dienste und magischen Tinkturen feilboten. Der berühmteste unter den wandernden Wunderheilern war der sagenumwobene Johann Georg Faust (um 1480–1541). Er inspirierte Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zu Dr. Faust und somit zum gleichnamigen Meisterwerk deutscher Dichtung.

Das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt am Main verwahrt im Geburtshaus Goethes seit 1899 mit der einzigartigen Faust-Sammlung rund 1.600 Titel vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, die neben Drucken der Goethe‘schen Tragödie Possen, Parodien und Motivähnlichem, insbesondere Überlieferungen der historischen Person des Nekromanten sowie faustische Volksbücher und Zauberschriften enthält.

Mit Hilfe der KEK konnten 2010 – als Bund und Länder bereits ein Jahr vor der offiziellen Gründung der KEK Mittel zur Bewahrung bedeutender Bestände vorwiegend für kleinere Institutionen bereitstellten – 31 stark verschmutzte und geschädigte Schriften der Bibliotheca Faustiana restauriert werden. Darunter auch der »Bestseller des 16. Jahrhunderts« von Johann Spies (um 1540–1623), der europaweit eine wahre Faust-Manie auslöste. In der »Historia Von D. Johann Fausten dem weitbeschreyten Zauberer vnd Schwartzkünstler« (1587), fegte der Frankfurter Verleger alles zusammen, was es an Gerüchten und Gemeinheiten über den dunklen Magier zu erzählen gab, der bei alchemistischen Experimenten durch eine Explosion ein grausames Ende gefunden haben soll. Das fiktive, mit reißerischen Anekdoten und allerlei Teuflischem angereicherte Porträt des Hexenmeisters bildet das Fundament für die zahllosen späteren geschriebenen, aufgeführten und vertonten Motivbearbeitungen, auch für die über sechzigjährige Beschäftigung des Dichterfürsten mit Doktor Faustus.

Zum geretteten Bestand zählt außerdem eine mit geheimnisvollen Runensiegeln und Zeichnungen dämonischer Chimären versehene Handschrift. Wer das Zauberbuch »Alhier wird man antreffen Magia aus Doctor Johannes Fausten und was sonst zu solcher Kunst gehörig seyn wird. Solches hat Christoph Wagner nach seines Herrn Todt herausgegeben« 1595 in Wittenberg anonym zu Papier ohne Hadern brachte, ist nicht bekannt, da dem Verfasser wegen der Verbreitung ketzerischer Magie die Inquisition drohte. Dennoch erfreuten sich solche, häufig den legendenumrankten Johann Faust oder seinem Famulus Christoph Wagner zugeschriebenen Grimoires großer Beliebtheit in der Bevölkerung – in einer Epoche des Umbruchs, in der angesichts von Bauernkrieg und Reformation das Alte nicht weichen wollte, das Neue hingegen noch um seinen Platz kämpfte.

Das Frankfurter Zauberbuch war von Tintenfraß, Knicken, Rissen und Wasserrändern gezeichnet. Auf einigen Blättern wurde zudem während einer früheren Sicherungsmaßnahme holzschliffhaltiges und somit saures Papier aufgeklebt: Das Papier versteifte sich an diesen Stellen auch durch den verwendeten Klebstoff. Bei der Restaurierung im Rahmen der Modellprojektförderung konnte die literatur- und kulturgeschichtliche Kostbarkeit fachgerecht unter der Reinen Werkbank trockengereinigt, die säurehaltigen Papiere und der Klebstoff entfernt, Fehlstellen ergänzt und vom Tintenfraß stark angegriffene Blätter kaschiert werden. Das Zauberbuch sowie besonders  fragile Bücher erhielten zudem Schutzkassetten, wodurch die Originale als national bedeutungsvolles Kulturgut auch für künftige Generationen optimal gesichert werden konnten.

Im Wünschreigen der Zauberbücher bekannt und beliebt sind Bitten um Schutz vor drohendem Unheil, Krankheit und Gefahr, das Verlangen nach Reichtümern und Schönheiten des irdischen Lebens sowie der Blick in die Zukunft; und so fragt sich der wissbegierige Gelehrte Heinrich Faust »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Was unsere wissensbasierte Gesellschaft im Innersten zusammenhält, speichern Bibliotheken und Archive. Die Schriftgüter bieten den Schlüssel, die Geheimnisse der Welt zu enträtseln. Um diesen Schatz zu bewahren, benötigt es nicht die Hilfe von Mephisto und Magie, sondern lediglich fachgerechte Fürsorge.

 

Foto © Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum

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