Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge ist ein Museum der Produktkultur des 20. und 21. Jahrhunderts. Kern der Institution ist das international stark genutzte, wissenschaftliche Archiv zur Geschichte des Deutschen Werkbunds. Dieser für die deutsche Kulturgeschichte bedeutende und immer noch existierende Interessenverband wurde 1907 gegründet und war Vorläufer des Bauhauses. Der Werkbund trat für eine sachliche Formgebung und für die Etablierung ethisch fundierter Werte wie Qualität, Material- und Formgerechtigkeit, Funktionalität und Nachhaltigkeit ein. Die Nachlässe von Hermann Muthesius (1861–1927) und von Herbert Hirche (1910–2002) sind die wichtigsten Konvolute im Bestand des Dokumenten- und Plan-Archivs. Doch Teile aus den Nachlässen beider bedeutenden Protagonisten des Deutschen Werkbundes erforderten dringend konservatorische Sicherungsmaßnahmen, um Substanz- und Informationsverlust zu vermeiden.

Der Architekt Hermann Muthesius war Mitbegründer und zentraler Akteur des Deutschen Werkbundes und der Reformbewegungen in Architektur und Kunsthandwerk des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland. Der Schwerpunkt seines umfassenden Nachlasses, der 1995 vom Werkbund-Archiv e.V. erworben wurde, bildet die umfangreiche und überwiegend handschriftlich verfasste Korrespondenz an Hermann Muthesius. Unter den Korrespondenzpartnern befinden sich zahlreiche prominente Persönlichkeiten, Künstler und Architekten wie Max Liebermann, Emil Orlik, Peter Behrens, Theodor Heuß, Josef Hoffmann, Joseph Maria Olbrich, Richard Riemerschmid, Louis Henri Sullivan, Charles Rennie Mackintosh und Walter Crane sowie Briefe von Kunsthistorikern und Kunstschriftstellern wie Justus Brinckmann, Cornelius Gurlitt und Karl Scheffler. Die Schreiben von Hermann Muthesius selbst sind meist als Durchschläge oder Entwürfe im Nachlass vorhanden: Der fertige Brief wurde unter eine Seite Japanpapier gelegt und angerieben – das Original wurde verschickt, die Kopie blieb im Korrespondenzbuch. Eines der während seines Aufenthaltes in England (1896–1903) entstandenen Korrespondenzbücher, das Letter-Book II, konnte aufgrund seines schlechten Zustandes bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet werden. Durch die schlechte Qualität des dünnen Durchschlagpapiers und die Säure der verwendeten Eisengallustinte war der Tintenfraß so weit vorangeschritten, dass sich die Seiten nicht mehr blättern ließen. Die wichtigen Autographen Muthesius’ zählen zu den am stärksten nachgefragten Dokumenten des Archivs. In einer modellhaften Einzelblattbehandlung wurden das ausgewählte Buch sowie die 26 Einzelseiten einer Calciumphytat-Calciumkarbonat-Badbehandlung unterzogen, um den Tintenfraß einzudämmen, anschließend wurden die Seiten durch eine einseitige Kaschierung stabilisiert. Auf diese Weise kann die wissenschaftliche Auswertung der Briefe – für die bisher nur Karteikarten mit Absender und Datum erstellt wurden – beginnen.

Daneben wurden aus dem Nachlass des Gestalters und Architekten Herbert Hirche 600 gerollte und zum Teil stark beschädigte Möbel- und Innenraumplänen restauriert. Unmittelbar stellen diese Pläne die Beziehung Hirches zu den Werkbund-Firmen dar und sind wichtige Quellen zur deutschen Nachkriegsmoderne, die bisher wegen des schlechten Erhaltungszustands nicht ausgewertet werden konnten. Hirche studierte am Bauhaus in Dessau und Berlin und wurde nach dessen Schließung Mitarbeiter von Lilly Reich und Ludwig Mies van der Rohe, später von Egon Eiermann. Nach dem Krieg arbeitete er unter Hans Scharoun an der Aufbauplanung von Berlin und wurde Mitglied der Berliner Werkbundgruppe. Seine Möbel waren auf den wichtigsten internationalen Design-Ausstellungen als Musterbeispiele einer vom Werkbund propagierten modernen (west-) deutschen Wohn- und Produktkultur ausgestellt. Seit 2004 wird der berufliche Nachlass des Architekten und Designers im Werkbundarchiv – Museum der Dinge bewahrt. Da der deutschen Nachkriegsmoderne seit einigen Jahren in der internationalen Forschung zunehmend Aufmerksamkeit gilt, muss das von Herbert Hirche hinterlassene Schriftgut – Skizzen, Fotos, Zeichnungen und Notizen, Manuskripte, Urkunden, Zeugnisse, Entwürfe und Planzeichnungen von Möbeln und Bauten – gesichert werden.

 

Fotos © Restaurierung Caney & Siedler

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