Mainz, 4. März 1917: Auf der über der Stadt thronenden Zitadelle erklingt die Overtüre des »Barbiers von Sevilla«. Später wird noch Gefängnisinsasse Monsieur Mazaud Stücke aus seinem Repertoire spielen. Aufmerksam lauscht das Publikum – französische und britische Offiziere – der Musik; ermöglichen es die flüchtigen Klänge doch, sich für einen kurzen Moment aus der Enge ihrer Kriegsgefangenschaft zu träumen. Von musikalischen Vorträgen im Gefangenenlager Mainz berichten fünf einzigartige Plakate im Stadtarchiv. Die von französischen Häftlingen während des Ersten Weltkriegs handgemalten Konzertankündigungen sind einzigartige Zeugnisse für die Existenz eines Gefangenenorchesters im Offizierslager. Denn so wie zwischen den Feinden Deutschland und Frankreich vereinbart, wurden den bis zu 600 dort Inhaftierten im Gegensatz zu gefangenen Soldaten niederer Grade gelegentliche Angebote zur sportlichen und kulturellen Erbauung gestattet.

Neben den historisch wertvollen Gefängniskonzertplakaten hütet das Stadtarchiv Mainz etwa zehn Kilometer Dokumente aus der Geschichte des Ortes. In Zeiten knapper Kulturetats ist aber auch hier der Schutz des Schriftguts aus eigener Kraft kaum zu stemmen. So warten in Mainz allein 10.000 von insgesamt 20.000 verwahrten Plänen auf ihre restauratorische Sicherung. Häufig halfen engagierte Mainzer mit Spenden bei der Rettung gefährdeter Schätze – ohne zusätzliche öffentliche oder private Drittmittel ist die Rettung aller Originale jedoch nicht möglich. Die KEK half daher 2015 gemäß ihrem Jahresmotto „Vergessene Kostbarkeiten“ die Programme des Gefangenenorchesters auf der Zitadelle zu erhalten und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die fünf aufwendig gestalteten Plakate lagerten lange Zeit mit Kriegsschäden, Brand- und Wasserspuren im Mainzer Magazin.

Zahlreiche Knicke, Risse, Brüche und Fehlstellen überzogen die säurehaltigen Velinpapiere, Fettflecken, Fliegenkot, Ruß und Wasserränder entstellten die mit Buntstiften, Bleistiften und Tinten gezeichneten, teils aquarellierten Programme. Durch Trockenreinigung wurden die Pläne von Staub und Schmutz befreit, umgeknickte Bereiche geglättet, Risse und Fehlstellen mit eingefärbten, materialtechnisch passendem Papier geschlossen. Nach ihrer Restaurierung werden die großformatigen Plakate nun liegend, geschützt von speziell angefertigten säurefreien Mappen dauerhaft im Archiv verwahrt und können auch in Ausstellungen gezeigt werden. Zukünftigen Generationen kann so anhand stummer Zeitzeugen aus dem Ersten Weltkrieg vor Augen geführt werden, wie die Kraft der Musik notlindernd wirken kann.

 

Foto © Barbara Hassel

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