Die Wissenschaftler des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam waren voller Erwartung, als der Umzugskarton aus dem englischen Örtchen Mayfield eintraf. Sie wussten bereits, was sich darin verbarg: ein bis dato völlig unbekannter Teilnachlass von Gabriele Tergit (1894–1982), der über 70 Jahre auf einem Dachboden in Mittelengland schlummerte. Als sie den Karton öffneten, lagen vor ihnen 4.500 Blatt vergessene persönliche Dokumente, Zeitungsartikel und Korrespondenzen der jüdischen Schriftstellerin und Journalistin, deren Arbeiten gegenwärtig weitgehend vergessenen sind.

In der Weimarer Republik genoss die Autorin allerdings große Aufmerksamkeit und zählte vor allem in Berlin zu den echten Berühmtheiten: Gabriele Tergit, die mit bürgerlichem Namen Elise Reifenberg hieß, feierte mit ihrem satirischen Debütroman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« beachtliche Erfolge. Zuvor hatte sie sich mit sozialkritischen Beiträgen bei verschiedenen Berliner Blättern einen Namen gemacht. Nicht zuletzt wegen ihrer Gerichtsreportage vom ersten Prozess gegen Adolf Hitler am Moabiter Kriminalgericht stand sie auf der Feindesliste der Nationalsozialisten.

Nachdem sie einem SA-Überfall 1933 in ihrer Wohnung knapp entging, führte ihr Weg über die Tschechoslowakei und Palästina nach London, wo sie als Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland arbeitete. Die Erinnerungsstücke und Aufzeichnungen Gabriele Tergits waren durch die lange Lagerzeit und feste Bündelung stark verschmutzt, verklebt und abgerieben. Mehrfache Faltungen und Verschnürungen führten zu zahlreichen Rissen im fragil gewordenen Papier. Es bedurfte umfangreicher Maßnahmen, um den Nachlass nutzbar zu machen. Die KEK unterstützte 2014 das Moses Mendelssohn Zentrum bei der Sicherung und Restaurierung der Einzelblätter: Nach dem Lösen der Verklebungen und der Trockenreinigung mit Pinseln und Radierern wurden vorhandene Risse geschlossen, besonders verbräunte Zeitungsseiten schonend im Wasserbad behandelt und verstärkt sowie die Knicke geglättet. In säurefreien, basisch gepufferten Archivumschlägen, -mappen und -kartons sind die Dokumente jetzt optimal gelagert. Vor allem die Briefe des Nachlasses vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg gewähren nun Einblicke in die jüdische Perspektive in der Zeit des Nationalsozialismus und in die Zeit des schweren Neuanfangs im Exil.

Foto © Karin Bürger

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