Im Stadtarchiv Nordhausen lagerten die wertvollsten Urkunden der mittelalterlichen Reichsstadt in Geldtresoren des frühen 20. Jahrhunderts. Was vor Langfingern schützt, schützt aber längst nicht vor dem Verfall von Pergament und Papier: Im ungünstigen Klima der Bankschränke trocknete dieses kostbare Schrifterbe extrem aus. Die »weniger wertvollen« Urkunden des Hauses sind jedoch nicht minder kostbar – umfasst dieser Bestand doch 2.600 zum Teil mit Wachssiegeln versehene Dokumente der Jahre 1158 bis 1810. Zur Sammlung des Archivs zählt zudem eine historische Bibliothek mit frühen Druckwerken des 16. bis 18. Jahrhunderts, die Einblicke in die Wissens- und Bildungspolitik der Reichsstadteliten gewährt.

Und da ist noch die Bibliothek des 1525 im Bauernkrieg zerstörten Servitenklosters Himmelgarten, dessen Grundmauern sich einst kurz vor den Stadttoren Nordhausens befanden. Aber 2012 – als die KEK mit ihrer Projektförderung die Erweckung des Archivs finanziell begleitete – lag dieser Teil des Stadtgedächtnisses nicht im Thüringer Südharz, sondern im sachsen-anhaltischen Wittenberg. Die Himmelgarten-Bibliothek, die 1552 nach endgültiger Auflösung des Klosters von der Kirchengemeinde St. Blasii übernommen, erweitert und in der feuchten Sakristei der Gemeindekirche verwahrt wurde, gelangte wegen Schimmelgefährdung 1974 nach Naumburg und von dort nach einem Wassereinbruch in die Lutherstadt. Die Kirchengemeinde St. Blasii als Eigentümerin und die Nordhausener Verantwortlichen planten die Heimkehr der 356 Bibliotheksbände, darunter neben Handschriften allein 245 Inkunabeln des 15. Jahrhunderts – da auch in Wittenberg dieser gewaltige Bücherschatz weder angemessen untergebracht noch für die Forschung sichtbar erschlossen werden konnte.

Für die wenigen, größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeiter des Stadtarchivs Nordhausen war und ist die Bewahrung all dieser Bestände eine herausfordernde Pflichtaufgabe. Unter dem Stichwort »Kellerkinder« bewarben sie in der Öffentlichkeit ihr Großprojekt, um die ersten präventiven Schritte zur dauerhaften Konservierung der Bestände einzuleiten. Mit Unterstützung der KEK konnten zunächst restauratorische Schadensgutachten erstellt werden, um die Basis für weitere Sicherungsmaßnahmen zu legen und den Kostenbedarf zu bestimmen. Darauf folgte die Anschaffung großer Mengen neuer Verpackungen für die Urkunden und Bücher. Mit Hilfe von Stiftungen finanzierte das kommunale Archiv neue, archivgerechte Magazinschränke für Himmelgartens Bücher, deren Grundreinigung sowie den Transport nach Nordhausen, wo sie sich seit 2014 in den klimatisierten Sondermagazinen des Stadtmuseums FLOHBURG befinden. Für die Mitarbeiter der kommunalen Einrichtungen wurden Fortbildungen organisiert, die das Bewusstsein für die Bestandserhaltung vermittelten.

Da Notfallvorsorge neben den Lager- und Nutzungsbedingungen eine weitere Säule präventiver Fürsorge bildet, wurden Notfallboxen angeschafft. Die KEK unterstützte damit die Gründung eines 2013 vertraglich fixierten Notfallverbunds für die Archive, Bibliotheken und Museen der Kommune, der Kirche und der Wirtschaft in und um Nordhausen,der auch die vom Bund getragene KZ-Gedenkstätte »Mittelbau-Dora« bei Katastrophen absichert.

Für die dauerhafte Erhaltung der Nordhausener Bestände ist in den letzten Jahren viel geleistet worden. Aber für die Kommune und das Stadtarchiv ist der Weg noch kostenintensiv und weit: Viele Dokumente sind auf Grundlage der Schadensanalysen zu reinigen und zu restaurieren. Langfristig benötigt die Stadt ein Konzept, um die an verschiedenen Orten verwahrten Sammlungen unter einem Dach zu vereinen. Das hehre Ziel der Nordhausener Bestandsschützer muss mithilfe privater Spenden und der Drittmittelförderung erreicht werden.

Foto © Stadtarchiv Nordhausen

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