Was das Nibelungenlied für das deutsche oder Homers Epen für das griechische Nationalbewusstsein sind, bedeutet zweifelsohne das Königsbuch »Schāhnāme« für Persien. 35 Jahre lang dichtete Abū ‚l-­Qāsim Firdausī (940–1020) die Geschichte Persiens von den ersten mythischen Nebelschleiern um Urkönig Gayōmarth bis zum Untergang der Sassaniden im 7. Jahrhundert. Seine um das Jahr 1000 vollendeten 60.000 phantasiereichen Verse bilden auch heute noch die Mustervorlage für das Neupersische – die Amtssprache der Staaten Iran, Afghanistan und Tadschikistan.

Die Bayerische Staatsbibliothek in München hütet seit 1858 einen papiernen Schatz, der das Lebenswerk Firdausīs überliefert. Aus der bedeutenden Orientalia­-Sammlung Étienne Quatremère (1782–1857) erworben, beeindruckt die zwischen 1550 und 1600 angefertigte Prachthandschrift nicht nur mit monumentaler Größe von 39 × 26 cm bei 1.218 Seiten, sondern vor allem mit kunstvoller Kalligraphie und meisterhafter Malerei. Das kräftig funkelnde Kolorit der insgesamt 26 von feinen orientalischen Ornamenten geschmückten Miniaturen verbildlicht das hohe Niveau persischer Buchkunst, das an der Hofschule von Schiraz im 16. Jahrhundert gepflegt wurde.

Tintenfraß im Heldenepos

Dringende Pflege benötigte auch die Handschrift, die aufgrund eines massiven Farbschadens lange Zeit fernab von Öffentlichkeit und Forschung im Magazin der Bayerischen Staatsbibliothek lagerte. Zu riskant war ein Blättern im Buch. Kupferhaltige Pigmente in den grünen Rahmungen der Textspalten zersetzten die Celluloseketten des fein polierten persischen Papiers. Der chemische, durch Metallionen in Tuschen und Tinten ausgelöste Abbauprozess – ein Schicksal vieler mittelalterlicher und neuzeitlicher Handschriften – durchzog die gesamte Handschrift und ließ die Seiten brüchig werden. Gleich einem vorgestanzten Bastelbogen, drohte das Papier unter den Zierrahmen kantenglatt zu brechen.

Dank eines neuen am Institut für Buch­ und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek entwickelten Verfahrens und durch Einsatz von Fördermitteln der KEK konnte das prunkvolle Epos 2015 gerettet werden. Seit langem erprobten die Experten des international renommierten Instituts das »Münchner Tissue« zum mechanischen Stabilisieren fragiler Schriftstücke.

Hilfe durch das „Münchener Tissue“

Die Prachthandschrift wurde aufgrund eines massiven Farbschadens lange Zeit fernab von Öffentlichkeit und Forschung im Magazin der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt. Kupferhaltige Pigmente in den grünen Rahmungen der Textspalten zersetzten die Celluloseketten des fein polierten orientalischen Papiers. Der chemische, durch Metallionen in Tuschen  und Tinten ausgelöste Abbauprozess durchzog die gesamte Handschrift und ließ die Seiten brüchig werden. Gleich einem vorgestanzten Bastelbogen, drohte das Papier unter den Zierrahmen kantenglatt zu brechen. Lediglich zwei Gramm pro Quadratmeter wiegt das transluzente, mit durch Wärme reaktivierbaren Acrylaten beschichtete Japanpapier, das die brüchigen Farbrahmen der einzelnen Seiten stabilisiert. Dadurch wird das Risiko einer Migration schädlicher Metallionen in das Trägerpapier vermieden. Drei erfahrene Restaurator/Innen brachten das hauchdünne Tissue vorsichtig mit Heizspateln auf die brüchigen Partien der Schāhnāme-Handschrift auf. Unter Beachtung strenger konservatorischer Vorgaben kann die Prachthandschrift nun wieder von Wissenschaftlern eingesehen und in Ausstellungen präsentiert werden.

 

Foto © Bayerische Staatsbibliothek

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