Viele Besitzer von umfangreichen und wertvollen Bibliotheken wollten diese besonders repräsentativ und ästhetisch ansprechend präsentieren. Adlige Bibliophile verfolgten dabei oft den Anspruch, die Bücher in ihrem Besitz einheitlich binden zu lassen oder zumindest mit besonders wertvollen Einbänden zu versehen: aus geprägtem Leder, Metall oder aus Seide.

Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Materialien hat Seide allerdings den großen Nachteil, sehr empfindlich auf mechanische Belastungen zu reagieren. Das Entnehmen der Bücher aus dem Regal sowie das Aufschlagen und Blättern führen zu Schäden an den wertvollen Textileinbänden.

Auch in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (HAAB) befinden sich dutzende Bände mit herzoglichen Provenienzen des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts, die kostbare – in vielen Fällen unikale – Seiden- oder Seidensamteinbände besitzen. Neben den mechanischen Schäden leiden diese Bände auch unter den Folgen des katastrophalen Bibliotheksbrands der HAAB im September 2004. Durch Hitze und Löschwasser wurden 53 seidengebundene Werke zusätzlich beschädigt. In einem KEK-Modellprojekt entwickelte die HAAB ein innovatives Konzept zum Schutz dieser fragilen Einbände: Konservierende Maßnahmen wurden durch die Entwicklung eines Schutzumschlags für Seideneinbände ergänzt. Übliche Schutzumschläge, wie sie bereits verwendet wurden, waren für Seiden- und Seidensamteinbände nicht geeignet. Sie verrutschten, bedeckten den Einband nicht vollständig oder reagieren chemisch mit dem Einbandmaterial. In Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten anderer Bibliotheken im In- und Ausland wurde ein optimal geeigneter Schutzumschlag entwickelt. Hierzu fand in Weimar ein Workshop statt, an dem die verschiedenen Bibliotheken teilnahmen und in dem die Vor- und Nachteile der in den Institutionen verwendeten Schutzumschläge diskutiert wurden. Im Sinne einer good practice wurde im international kooperierenden Netzwerk schließlich ein Schutzumschlag entwickelt, der in idealer Weise die Vorteile der bereits verwendeten Varianten kombiniert und möglichst umfassend deren Nachteile ausschließt. Besondere Nachhaltigkeit erreichte das Projekt dadurch, dass eine Dokumentation der Entwicklung der Schutzumschläge eine Beschreibung ihrer Anfertigung veröffentlicht werden konnte. So können sich andere Bibliotheken mit ähnlich wertvollen Einbänden für die Beauftragung von Schutzumschlägen an diesen orientieren.

In der Herzogin Anna Amalia Bibliothek kamen diese Schutzumschläge bei den 53 Bänden zur Anwendung. Zusätzlich wurden Schutzverpackungen angefertigt, welche die mechanische Belastung der Bücher bei der Lagerung in Zukunft deutlich reduzieren. Die Schutzumschläge bewahren die Einbände dagegen während der Benutzung im Sonderlesesaal vor Schäden. So trägt dieses KEK-Modellprojekt nicht nur zur Brandfolgenbekämpfung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bei, sondern auch zur Entwicklung innovativer Konzepte zum Originalerhalt von seltenen und (kunst-)historisch bedeutenden Einbänden.

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