Eine Geschichte der Handschriften-Patientin Mscr. Dresd.M.28 könnte im Jahr 1405 anfangen, als Sigismund von Kamenz im Schlesischen die Schreibfeder ansetzte. Sie könnte auch mit der Dresdner Tragödie des Frühjahrs 1945 beginnen, als der Codex im Tiefkeller des ausgebombten Japanischen Palais zwei Wochen Lösch- und Sickerwasser ausgesetzt war. Diese Geschichte startet allerdings 2015 auf den Behandlungstischen einer Restaurierungswerkstatt, wo Experten an einer Kur für das komplexe Schadensbild der Kostbarkeit forschen. Denn aufgrund der tagelangen Wassereinwirkung gleicht der mittelalterliche Buchblock heute einer schimmligen Puzzlebox.

Für die Restauratoren war allein die Untersuchung der bisher irreparablen Handschrift eine Herausforderung. Die durch Nässe verworfenen Bögen klebten derartig fest aneinander, dass ein Blättern im Buch zum Zerreißen der Zimelie geführt hätte. Vorsichtig schielten die Fachkräfte deshalb ins Innere. Ihnen bot sich ein erschreckendes Bild: Teile der Schriftinformationen waren bereits weggefault; hunderte verblockte Klümpchen und vom Schimmel verfärbte Schnipsel sächsischer Juristerei lagerten frei im Bauch der Ruine aus Hadernpapier.

Am Anfang des von der KEK geförderten Rettungsprojekts glaubten die Experten noch, die Schwierigkeit bestünde im flächigen Abheben der fragilen Blätter und der richtigen Anordnung der Kleinstfragmente. Doch bald stellte sich die Frage: Wie kann es gelingen, die hartnäckigen Verklebungen und Verblockungen der winzigen Fetzen zu lösen? Experimente am unersetzbaren Original waren dabei ausgeschlossen; die Gefahr weiterer Schäden war dafür zu groß. Der Codex wanderte daher wieder schutzverpackt zurück ins Magazin der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.

Das Restaurierungsvorhaben wuchs sich schnell zum Forschungsprojekt aus. Unterstützt von externen Wissenschaftlern begannen nun 56 aufwendige Testreihen anhand ausgesonderter Druckschriften mit gleichem Schadensbild. Auf den Experimentiertischen und in den Klimakammern standen dafür die neuesten Technologien aufgereiht. Doch selbst mithilfe von elektrostatischer Folie, Vakuumstempeln, flüssigem Stickstoff, Ultraschallmeißeln und Enzymbädern – den über Lupen und Mikroskopen konzentrierten Forschern wollte ein verlustfreies Trennen der verblockten Dummys einfach nicht gelingen. Allen Beteiligten wurde bewusst: Weitere Untersuchungen sind dringend erforderlich, um die Handschrift Dresd.M.28 zu retten, und mit ihr die über einhundert papiernen Preziosen, die im überfluteten Keller des Japanischen Palais am Ende des Zweiten Weltkriegs das gleiche Schicksal ereignete. In einem 2016 abermals von der KEK geförderten, dreijährigen Langzeitprojekt wollen die Wissenschaftler der Landesbibliothek weitere Methoden zur Trennung der Handschrift erproben.

Foto © Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

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