Gold, Seide, Perlmutt, Knochen oder Schildkrötenpanzer – die Weltkarte der schriftlichen Überlieferung ist reich an ungewöhnlichen Materialien. Dieser Reichtum verbirgt sich auch in den Magazinen deutscher Archive und Bibliotheken, die schriftliche Zeugen aller Art, Zeitalter und Kulturen beherbergen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts besitzt die Staatsbibliothek zu Berlin ein extrem seltenes Zeugnis früher Schriftlichkeit: eine altjavanische Handschrift aus Blättern der Gebang-Palme. In Kawi-Schrift tradiert sie einen einzigartigen Text auf Sanskrit mit dem Titel Darma Pātañjala. Darin erläutern die Hindu-Gottheit Bhattara sowie ihr Sohn Kumara die Kosmologie des Shivaismus und das Konzept von Yoga und Karma. Nur wenige Dutzend Gebang-Palmblatthandschriften haben die Zeit überdauert, da das Material schnell von den stabileren Blättern der Lontar-Palme verdrängt wurde. Zudem beschleunigte das heißfeuchte Klima Indonesiens den Verfall des sehr empfindlichen Schriftträgers. Die 1407 oder 1467 entstandene Berliner Gebang-Handschrift zählt zu den ältesten Exemplaren weltweit.

Doch die in einem für Indonesien typischen Holzkasten aufbewahrten Blätter waren lange Zeit für jegliche Nutzung gesperrt. Die 89 mit Rußtusche beschriebenen Palmblätter waren so instabil, dass von einer Digitalisierung abgesehen werden musste. Der historische Aufbewahrungskasten (kropak) schützte zwar vor dem Verlust loser Teile, aber seine Maße waren derart knapp, dass die mit einem Faden verbundenen Blätter nur mühevoll ohne weitere Beschädigung herausgehoben werden konnten. Darüber hinaus drang Feuchtigkeit durch den Faden in die Handschrift: An den Schnurlöchern in der Mitte jedes Palmblattes wurde das Material daher spröde und brüchig.

Mit Fördermitteln trug die KEK zur Restaurierung des Objekts bei. Für die an Papier und Pergament geschulten Restauratoren unserer Breitengrade war die Rettung des exotischen Textzeugen eine besondere Herausforderung. Schließlich verlangt jeder Beschreibstoff spezifische Materialkenntnisse und eigene konservatorische Maßnahmen, um seine Botschaft für das Gedächtnis der menschlichen Zivilisation zu bewahren. Es wurden Risse in den Blättern geschlossen, lose Fragmente und Brüche der fragilen Schriftobjekte gesichert. Zusätzlich wurde ein neues Konzept zur Aufbewahrung erarbeitet und umgesetzt, das Wissenschaftlern einen berührungsfreien Zugriff auf den unikalen Text erlaubt. Denn die Palmblätter sind nicht nur extrem empfindlich gegenüber Druckbelastung. Auch die lediglich auf die Oberfläche aufgetragene und nicht wie bei den dickeren Lontar-Palmblättern in den eingeritzten Text aufgetragene Aschetinte droht beim Anfassen oder durch Reibung zu verwischen – das neue Aufbewahrungskonzept musste dies berücksichtigen. Gleichzeitig sollte jedoch eine Sichtung der Unikate möglich sein, und zwar ohne dass die Blätter zueinander Kontakt haben. Das entwickelte Konzept mit seinen Rahmen aus Karton, in welchen die Palmblätter mit Brücken aus Japanpapier gehalten werden, macht dies nun möglich.

Die im gemäß DIN-Norm klimatisierten Tresormagazin der Staatsbibliothek zu Berlin konservierte Palmblattpreziose ist nun wieder für Handschriftenexperten einsehbar. Wer sich selbst ein Bild vom exotischen Faszinosum machen möchte, kann es auf www.orient-digital.de bewundern.

Foto © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz/Dirk Schönbohm

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