„Displaced Person“ ist die Bezeichnung für eine Zivilperson, die im Rahmen des Zweiten Weltkriegs aufgrund des nationalsozialistischen Regimes dazu gezwungen wurde, ihren ursprünglichen Herkunftsort zu verlassen. Es handelt sich dabei um Menschen, die zu Ende des Kriegs aus der Gefangenschaft der Nationalsozialisten befreit wurden. Der Status dieser Personengruppe ist besonders komplex, da diese Menschen meistens nicht ohne fremde Hilfe in ihr Herkunftsland zurück gelangen konnten. Teilweise bestand nach den grausamen Erfahrungen während und vor dem Zweiten Weltkrieg die Absicht, in einen anderen Staat auszuwandern und das Land der Täter für immer zu verlassen. Eine weitere Option bestand darin, dauerhaft an dem neuen Aufenthaltsort zu bleiben. Daher waren Auffanglager, die sogenannten „Displaced Person Camps (DPC)“, für diese Menschen oft die einzige Möglichkeit, sich registrieren zu lassen, um beispielsweise von Angehörigen gefunden zu werden. Um Anträge auf Asyl oder Immigration zu stellen mussten Anträge, inklusive Fragebögen ausgefüllt werden: die sogenannten „Care und Maintenance files“. Heute gehören diese wertvollen Akten zum UNESCO-Weltdokumentenerbe, da sie das Chaos am Ende des Weltkriegs und die Kriegsfolgen in verschiedenen Facetten dokumentieren.

Im Juli 1947 nahm die International Refugee Organization (IRO), eine der Vorgängerorganisationen des International Tracing Service (ITS), ihre Arbeit in den DPCs in Österreich auf, indem sie sich um rund 704.000 Personen kümmerte, die vor dem NS-Regime geflüchtet waren und dieses überlebt hatten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich gerade in Österreich eine hohe Zahl an Geflüchteten, aufgrund der geographischen Lage des Landes inmitten eines kriegszerstörten Europas, zwischen ehemals besetzten, annektierten und zurückeroberten Gebieten. Die Unterlagen der IRO dokumentieren Einzelschicksale, aber auch administrative Vorgänge vor dem Hintergrund enormer Migrationsbewegungen.

Konkret geht es bei den Akten um Anträge, die dazugehörigen Fragebögen sowie Anlagendokumente der Displaced Persons (DPs) auf Emigration in das Aufenthaltsland, in diesem Fall nach Österreich. Die IRO-Akten beziehen sich insgesamt auf die vier Länder Österreich, Deutschland, Italien und Großbritannien. Die Unterlagen sind in insgesamt sechs Untergruppen unterteilt, von denen eine die Akten der IRO über die in Österreich befindlichen DPCs ausmacht. Generell bot die IRO Hilfe bei Zurückführung in das jeweilige Herkunftsland und auch bei der Antragstellung auf Emigration. Die sogenannten „CM/1-Akten“ („CM“ für „Care und Maintenance“) sind Fragebögen, die Auskunft über die individuelle Verfolgungsgeschichte geben. Zudem liefern sie ganz persönliche Informationen über den Gesundheitszustand und die Lebenssituation der jeweiligen Person. Der Bestand, der in diesem Projekt restauriert wurde, beläuft sich auf zirka 301.000 Dokumente (2825 kg), verpackt in insgesamt 883 Stehkartons.

Die Dokumente wiesen fortschreitende Säureschäden auf, wodurch die Originale stark gefährdet waren. Außerdem entstanden Verklebungen am Papier und zahlreiche Passfotos lösten sich von den Antragsformularen. Daher bestand der erste Schritt darin, das Papier zu entsäuern. Dazu wurden die Dokumente von Bad Arolsen nach Leipzig transportiert. Außerdem wurden kleinere Restaurierungsarbeiten am Bestand vorgenommen, indem beispielsweise Risse und Verfärbungen im Papier ausgebessert wurden. Am Ende wurden die Unterlagen archivgerecht verpackt, um sie längerfristig erhalten zu können.

Auch die Care und Maintenance Files aus DPCs anderer Länder waren bereits Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und Austellungen. Angesichts der immer wieder aktuellen Bedeutung von Migration für Europa, sind die Akten von großer wissenschaftlicher und politischer Bedeutung.

 

Diesen Beitrag teilen auf:



Anregungen und Kommentare

Feedback