Als das mächtige Schiff aus Eisenbeton und Backstein 1924 in Hamburgs Kontorhausviertel vor Anker ging, machte es seinen Architekten Fritz Höger (1877–1949) in Windeseile weltbekannt. Das Chilehaus – meist abgebildetes deutsches Architekturmotiv der 1920er Jahre – beeindruckt mit kühner Monumentalität und scharfkantiger Bugspitze, die über das Häusermeer der Hansestadt ragt. Heute wie damals fasziniert das Symbol wirtschaftlichen Aufbruchs und kaufmännischen Wagemuts mit lebendigem Lichtspiel auf der Fassade aus facettenreichem Bockhorner Klinker – auch das UNESCO Welterbekomitee, das Hamburgs Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus 2015 zum Weltkulturerbe kürte.

Planung und Bau des Kontors verliefen inmitten der Weltwirtschaftskrise allerdings nicht reibungslos: Inflation, ästhetische Zweifel seitens des Senats und permanente Neuentwürfe der imposanten Ostspitze strapazierten den Gestaltungsprozess. Dies zeigen unter anderem die 870 Pläne und Skizzen sowie Bauunterlagen, und Korrespondenzen des Architekten im Staatsarchiv Hamburg.

Was das Feuer verschonte

Die Einrichtung verwahrt damit die spärlichen Überbleibsel des durch zwei Feuer nahezu verlorenen Privatarchivs Fritz Högers, der nach eigener Aussage über 3.000 Bauten entwarf und ausführte. Das überdauerte Material bildet aber nicht nur eine unverzichtbare schriftliche Quelle zum steinernen Kulturerbe und überliefert längst geschwundene Bauten des »Klinkerfürsten«. Es zeigt auch: Höger war ein Dabeigewesener, der den Traum vom obersten Reichsarchitekten träumte, dessen neogotische Backsteinkunst beim NS­ Regime auf wenig Gegenliebe stieß.

Brüchig, verbräunt, gewellt, geblichen, geknickt, gerissen und von Schimmel befallen – vor allem die unersetzlichen Originalpläne Högers wurden durch Feuer, Löschwasser und den Zahn der Zeit dramatisch beschädigt. Im Rahmen einer KEK­-Modellprojektförderung konnten 153 teilweise fragmentarische Entwürfe aus Högers Lebenswerk – darunter 42 Pläne zum Chilehaus – konserviert und restauriert werden.

Gesichert für die Bauforschung

Die durch Ruß und Staub stark verschmutzten Transparentpapiere wurden mittels Latexschwämmen trockengereinigt, schädliche Klebstoffe und säurehaltige Papierverklebungen konnten entfernt und Risse mit Japanpapier geschlossen werden. Nach Glättung in einem Sandwich aus Hollytex und Holzpappen sind die nunmehr normgerecht schutzverpackten Pläne für die Architekturforschung wieder nutzbar.

Bundesaußenminister Frank­-Walter Steinmeier rühmte bei der Übergabe der UNESCO­-Welterbe­ Urkunde im Juni 2016 die Areale mit Högers architektonischem Herzstück als besonders schützenswerte »Orte unserer Identität«, die »den Blick auf unsere eigene Geschichte und auf uns selbst« schärfen. Welterbetitel sind ein Gewinn, verpflichten aber zum Erhalt. Gleiches gilt für die papierne Geschichte in Bibliotheken und Archiven, den – oft vergessenen – Orten unserer Identität.

Architekturplan von Fritz Höger, Staatsarchiv Hamburg
Foto © Jörg F. Müller

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